Vortrag: Let's Talk about Sex - "Lust und Unlust in der Sexualität"

- Adelheid Köhn / Vortrag FeelGood Festival Gelsenkirchen 21.06.2009
Ich begrüße Sie ganz herzlich zu meinem Vortrag und freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Mein Name ist Adelheid Köhn, ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie und arbeite therapeutisch in eigener Praxis – mit meinem Mann zusammen -in Solingen und Hagen zu den Schwerpunkten Paar- und Sexualtherapie, aber auch zu anderen Themenfeldern.
Das Thema meines Vortrages lautet „Lust und Unlust in der Sexualität“. Es ist das Thema Nummer 1, weswegen Paare in Beratung und Therapie kommen, wenn sie Probleme in der Sexualität haben.
Wie Sie auf der nebenstehenden Flipchart sehen, haben wir auf der Feelgood-Messe einige herkömmliche Meinungen zum Thema Lust und Unlust eingeholt, wo Sie ebenfalls Ihre Punkte abgeben konnten. Es ging darum, die Messe zu nutzen, um Sie spielerisch in das Thema einzuführen. Im Laufe des Vortrages werde ich mich hin und wieder auf diese Meinungen beziehen. Sie haben aber auch die Möglichkeit, mich im Anschluss an der Vortrag darauf anzusprechen.
Mein Vortrag gliedert sich in drei Teile.
- Im ersten Teil werde ich eine kleine Einordnung zum Thema Lust und Unlust geben,
- im zweiten Teil werde ich mich mit der Frage beschäftigen, was Strategien sind, um die sexuelle Unlust in der Sexualität zu vermeiden und
- im dritten Teil werde ich Ihnen drei Ansätze vorstellen, die mit dem Lust und Sexualität auf etwas andere Weise umgehen.
Was ist sexuelle Lust?
- Eine biologische Funktion, die sich periodisch einstellt wie bei den Tieren?
- Die Libido als die größte triebhafte Energie des Menschen nach Sigmund Freud, nach der wir vom Lustprinzip bestimmt sind und nach Lust streben und Unlust vermeiden bzw. die wir duch Sublimierung in andere Bereiche umwandeln können?
- Lust als hormoneller Testosteron-Overkill am Anfang einer Beziehung?
- Einfach nur Geilheit zur Triebabfuhr?
- Die zentale Lebensenergie, die durch Transformation in höhere Bewusstseinsstufen führen kann, wie Tantriker behaupten
- oder von jedem etwas?
Die sexuelle Lust im Spiegel der westlichen Kultur
In den letzten Jahrhunderten hat das Christentum die sexuelle Kultur in den westlichen Gesellschaften fest im Griff gehabt. Sexuelle Lust war lediglich dazu da, die Fortpflanzung zu regeln. Lust zu zeigen, war eher verpönt, ein schwaches sexuelles Verlangen galt in der westlichen Kultur lange Zeit nicht als ein Problem, sondern als erstrebenswert. In den USA wurden Kellogs Cornflakes im 19. Jahrhundert ursprünglich als Mittel gegen fleischliche Begierden und Masturbation vertrieben.
Allerdings – so stellt man heute fest, war diese Epoche, die mit vielen Tabus belegt war, auch eine Zeit, in der sexuelle Phantasien die Lust genährt haben, während heutzutage alles enttabuisiert und zum Teil auch deswegen langweilig geworden ist.
In den vergangenen vier Jahrzehnten seit den 68er des letzten Jahrhunderts hat sich die gesellschaftliche Einstellung zur sexuellen Lust extrem gewandelt. Sexualität und sexuelle Lust werden heute als etwas Wünscheswertes und vielfach meist als etwas Natürliches angesehen. Natürlich könnte heißen, das es sich um eine „natürliche biologische Funktion“ handelt. Stimmt das wirklich? Das würde nämlich bedeuten, dass ein schwaches sexuelles Verlangen schon fast unnormal ist. Sexuelle Lust bei Menschen ist aber nicht nur ein Produkt des Hormons Testosteron, sondern auch abhängig von den äußeren Bedingungen: Lebenszyklen,Tagesschwankungen, Stimmungen, Beziehungsthemen, beruflichen und familiären Belastungen, relative geschlechtsspezifische Unterschiede. All das bestimmt ebenso die Lustkurve wie die Hormone. Also hat auch die Natürlichkeit ihre Grenzen.
Teilweise gibt es heute schon so etwas wie ein Lustdiktat. Die ständige Verfügbarkeit von Sex und Informationen führt dazu, dass viele Menschen sich gestresst fühlen, weil sie denken, immer Lust haben zu müssen. Und das Älterwerden ist heute auch kein Garant mehr für die Erlaubnis, weniger Lust haben zu dürfen. Owohl es immer noch das Vorurteil gibt, dass die Lust mit dem Alter abnimmt. Die Messe-Besucher haben interessanterweise auf unserer Flipchart der These „Die Lust nimmt im Alter ab“ mehrheitlich nicht zugestimmt. In einer Studie des Sexualforschers Gunter Schmidt haben 60jährige Paare sogar mehr Sex als 30 Singles.
Realitätscheck sexueller Lust und Unlust
Wie aber sieht die Realität aus? Paare sind zusammen, am Anfang ist die sexuelle Lust groß, später wird sie weniger oder lässt ganz nach. In der Regel fragt man sich: Habe ich Lust auf Sex oder fragt seinen Partner: Hast du Lust auf Sex? Entweder ist dann die Lust da und man macht Sex oder die Lust ist nicht da, und man macht keinen Sex. Bei einem Paar, dass schon eine Weile zusammen ist, kann das bedeuten, dass der Abstand zwischen zwei Liebesspielen immer größer wird und später ganz wegfällt. Das kann so sein, muss aber nicht, ist aber offenbar ein Thema von vielen Paaren, die zu uns oder anderswo zur Beratung gehen. Unterstützt wird diese Entwicklung von Meinungen und Vorurteilen, die sich aus der sogenannten biologischen Funktion der Sexualität ergeben.
- Guter Sex ist spontan und ergibt sich von allein. Das heißt, die Lust stellt sind spontan und von allein ein. Wenn das nicht so ist, hat Mann oder Frau ein Problem.
- Wenn man sich liebt, hat man auch Lust aufeinander und guten Sex. Auch diese Meinung haben wir auf unserer Flipchart bepunkten lassen. Das Publikum war hier geteilter Meinung, die Hälfte hat zugestimmt, die andere Hälfte nicht.
- Wenn man wenig oder keine sexuelle Lust hat, ist man nicht ganz normal oder zumindest etwas behandlungsbedürftig.
- Neuere sexualtherapeutische Ansätze gehen davon aus, dass diese Leitsätze das größte Hindernis für eine erfüllte Sexualität sind.
Strategien gegen die Unlust in der Sexualität
Wie sehen die Strageien aus, um diese sexuelle Unlust zu überwinden? Es leben immerhin eine Reihe von Industrien davon, den permanenten Lustmythos am Laufen zu halten. Ohne zu bewerten, habe ich einige Strategien einfach mal aufgezählt:
Pornos gucken; in den Swingerclub gehen; sich sexuelle Fantasien erzählen und evtl. auch ausleben; eine Außenaffäre beginnen; sich eine Tantramassage gönnen; zu einer Prostituierten gehen; masturbieren; auf die Lust pfeifen und trotzdem Sex und Spaß haben; Viagra und andere Präparate ausprobieren; mit Reizwäsche verführen; leichte und schwere Formen des SM-Spiels ausprobieren, allein und mit anderen; Sex mit mehreren; Sexspielzeuge einsetzen; die sexuelle Energie transformieren durch Tantra oder Kundalini-Yoga; sich neu verlieben; den ganzen Tag im Bett verbringen und Zeit für Liebe haben; mit dem Sex aufhören und Marathon laufen und, ganz ganz viele Bücher mit neuen Ideen lesen, wie man/frau die beste Liebhaberin oder der beste Liebhaber wird.
Auf jeden Fall ist es vielfach angesagt, neue Kicks und Techniken auszuprobieren, um die sexuelle Langeweile zu überwinden und die Lust und Leidenschaft aus der Anfangszeit einer Beziehung wieder aufleben zu lassen.
Neue Ansätze zum Thema Lust, Begehren und Liebe
Ich stelle Ihnen jetzt drei Ansätze vor, die unabhängig von Kicks und Techniken versuchen, Paare zu unterstützen bei der Neuentwicklung ihrer sexuellen Lust und einer erfüllten Sexualität. Das heißt nicht, das Techniken und Kicks hier keinen Platz haben, sondern nur, dass sie nicht im Vordergrund stehen.
Ich kann das hier nur anreißen, jeder Ansatz könnte einen eigenen Vortrag füllen.
Jeder geht für sich – der Unterschied erhält die Lust
Ulrich Clement, ein bekannter Sexualtherapeut in Deutschland, geht davon aus, dass sexuelle Unlust und Langeweile in Paarbeziehungen deshalb entstehen, weil keiner von beiden wirklich die Wahrheit sagt. Beide Teile des Paares einigen sich auf das, was ungefährlich erscheint, was die Beziehung nicht gefährden kann. Dieser Teil wird erzählt. Der Teil, der nicht erzählt wird, wird auch nicht gelebt. Das führt dazu, dass das Begehren immer mehr hinab bis an die Nullgrenze herabsinkt.
Clement schlägt vor, dass jede/r in Partnerschaften für sich ein eigenes sexuelles Profil entwickelt, dass jede/r zunächst einmal aufschreibt, wie ihr/sein ideales sexuelles Szenario aussieht und es dann möglicherweise dem anderen Partner erzählt, vorliest und ggf. lebt. Hier ist der Ansatz, dass der Unterschied der beiden Partner die Lust erhalten kann.
Eine neue Kultur des Begehrens entwickeln
David Schnarch, einer der bekanntesten Sexualtherapeuten aus den USA, führt erweiternd den Begriff des Begehrens auf eine neue Weise ein. Normalerweise setzen wir sexuelle Lust oder Geilheit mit sexuellem Begehren gleich und damit mit unserem biologischen Trieb. Wenn der abnimmt, ist auch das Begehren abhanden gekommen.
Schnarch unterstellt, dass Begehren ganz viel mit Kommunikation in der Paarbeziehung zu tun hat, dass es so etwas wie eine Kultur des Begehrens gibt. Und die hat mehr mit dem Wollen als mit dem Können zu tun. Er geht davon aus, dass wir als Menschen uns in einer Paarbeziehung weiterentwickeln können, indem wir lernen, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen und uns dem anderen ungeschminkt zuzumuten. Das erzeugt Intimität und kann entscheidend zu der Intensivierung des Begehrens beitragen. Schnarch hat verschiedene Vorschläge, wie es zu echtem Begehren kommen kann. Da es sich um einen Entwicklungsprozess innerhalb einer Paarbeziehung handelt, geht er davon aus, dass Menschen der zweiten Lebenshälfte mehr Chancen haben, diese Intimität zu entwicklen. Er stellt sogar augenzwinkernd einen Zusammenhang zwischen Zellulite und sexueller Zufriedenheit fest.
Schnarch hat verschiedene Vorschläge, wie man eine neue Kultur des Begehrens entwickeln kann: offene Kommunikation, lange tiefe Umarmungen, Orgasmus mit offenen Augen etc.
Tantrisches Making-Love
Der Begriff des klassischen Tantra kommt aus dem Sankrit, heißt so viel wie Ausdehnen, Verweben und bezeichnet eine spirituelle Richtung unter Einbeziehung der Sexualität, die in Indien vor 3000 Jahren entwickelt wurde. Was auch immer Tantra heute ist – der Begriff wird sehr vielfältig und manchmal irreführend verwandt - möchte ich mich auf Diana Richardson beziehen als drittem Ansatz, die die Art des Liebemachens, die sie vorschlägt, tantrisches Making-Love nennt.
Diana Richardson gibt mit ihrem Mann Making-Love-Kurse für Paare, in denen sich die Partner ebenfalls auf eine neue Form von Intimität in ihrer Sexualität einlassen: Lange in die Augen schauen, gemeinsam atmen, sich sexuell vereinigen, ohne dass es eine hohe Erregung gibt und dadurch lernen, sich ganz neu aufeinander einzulassen. Der Mann sollte am Anfang keine starke Erektion haben, das Lustniveau wird eher niedrig gehalten. Ziel ist kein kurzer „Gipfelorgasmus“ und keine Ejakulation, sondern ein Zustand eines langen tiefen „Talorgasmus“. Nach dem Liebemachen ist man erfrischt, die Energie ist nicht verpufft, und man kann das Liebemachen täglich wiederholen. Das heißt aber nicht, dass andere Arten des Liebemachens ausgeschlossen werden.
Es geht hier - wie auch bei den anderen Ansätzen - nie um ein Entweder-Oder, sondern immer um ein Sowohl-als-Auch.
Wie lebt man seine Lust, wenn man allein ist?
Aber es geht ja nicht nur um Paare in der Sexualität. Es geht auch darum, wie jede/r Einzelne ihr/sein Leben gestalten möchte. Einige Menschen in der Lebensmitte, gerade, wenn sie allein sind, stellen sich die Frage: Wer bin ich als sexuelles Wesen oder war das schon alles? Was kann ich tun, um meine Sexualität zu weiterzuentwickeln? Sie beschließen, sich selbst noch einmal auf die Spur zu kommen. Manche kommen auch zu mir oder zu uns in die Beratung.
Frauen bespielsweise haben eine sehr komplexe Sexualität, und es ist nicht für alle stimmig, sich immer und überall einem Lustdiktat zu unterwerfen. Das neue Dogma, permanent Lust haben zu müssen, ist mindestens genauso überflüssig wie das frühere Dogma, dass Masturbation schädlich die Gehirnzellen schädigt.
Oder frau möchte ihre Lust leben, hat aber keine Beziehung. Da ich seit mehreren Jahren
neben meiner therapeutischen Arbeit auch Tantramassagen gebe, erlebe ich immer häufiger, dass Frauen sich das immer öfter gönnen, dass sie einfach nur mal ein schöne sinnliche Massage erleben wollen, die auch ihre Lust mit einbezieht. Für mich ist das ein guter Ansatz, bei dem sich Frauen wiederfinden können neben vielen anderen Dingen, die sie sicher auch tun.
Was bieten wir in unserer Praxis an?
Wir bieten mit unserer therapeutischen Praxis MANAIA Unterstützung für Einzelne und Paare an, die sich dem Thema Sexualität noch einmal ganz neu nähern möchten und begleiten Einzelne und Paare dabei in ihrem ganz eigenen Prozess. Die drei Ansätze, dich ich Ihnen vorgestellt habe, können da eine Hilfe sein, aber es geht immer an erster Stelle darum, herauszufinden, was die Menschen selbst wollen.
Wir – mein Mann und ich - geben zudem in einer befreundeten Tantramassage-Praxis in Hagen Tantramassage-Tageskurse für Paare und Massagepaare, die die Kunst des Massierens lernen und sich selbst einen Auszeit-Tag nehmen wollen. Massage zu erlernen ist eine gute Möglichkeit, in den Körper zu kommen und sich möglicherweise einmal anders zu erleben. Die Zeit, die man miteinander verbringt, kann man als Zeit für die Liebe sehen, ohne sich einem wie auch immer gearteten Lustdiktat unterwefen zu müssen, wo sich aber alles spielerisch entwickeln kann.
Und damit möchte ich meinen Vortrag beenden: Lasst es spielerisch sein, probiert was Neues aus!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und stehe jetzt noch für Fragen zur Verfügung.